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Saleem Matthias Riek
Saleem Matthias Riek ist Heilpraktiker für Körperpsychotherapie und Tantra und leitet das The-Art-of-Being Tantrainstitut in Freiburg. Er arbeitet seit 1986 mit Einzelnen, Paaren und Gruppen und hat bisher zwei Bücher zum Thema Tantra veröffentlicht.
Brauchen wir einen Tantralehrer Berufsverband?
von Saleem Matthias Riek
Die Frage hat für mich einige ganz unterschiedliche Ebenen: ganz praktische, ganz persönliche bis hin zu tantrisch-spirituellen. Einige meiner Gedanken und Gefühle dazu möchte ich hier mitteilen und bin gespannt auf die Resonanz.
Als ich von dem Projekt eines Verbandes für Tantralehrer erfuhr, war meine Haltung zunächst eher zwiespältig bis ablehnend, und dies aus den verschiedensten Gründen:
• Es gibt so viele Ansätze, die sich mit dem Namen Tantra schmücken. Lassen die sich alle unter einen Hut bringen?
• Eine tantrische Bürokratie – ein Graus!
• Tantrische Vereinsmeierei mit politischen Debatten – eine Qual
• Tantrische Qualitätsstandards – wer soll darüber entscheiden können – und wollen?
• Den Beruf des Tantralehrers etablieren - laden wir damit nicht auch die staatliche Regelungswut ein, in unsere Berufsausübung hinein zu regieren?
Der entscheidende Aspekt, der mich zunächst davon abhielt, mein Interesse zu bekunden, war der allzu offensichtliche Eindruck, dass hier ein Institut – Erospirit und dessen Gründer Lucian Loosen – einen Alleingang macht und zugleich versucht, in der Öffentlichkeit einen Allgemeinvertretungs- Eindruck zu erwecken. Das roch mir eher nach unlauterem Wettbewerb als nach einer Initiative, Tantriker verschiedener Schulen zusammen zu bringen und zu vernetzen. Eine Werbetrick? Jedenfalls für mich nicht unbedingt ein gelungener Start für eine solch heikle Unternehmung. Dennoch war und bin ich bereit, mich nicht auf meine Urteile zu fixieren und diese allzu ernst zu nehmen, sondern offen zu bleiben für Entwicklungen. Nach einem persönlichen Gespräch mit Lucian kann ich mir interessante Perspektiven zumindest vorstellen und möchte seine durchaus mutige Initiative anerkennen.
Meine persönliche spirituelle und tantrische Heimat liegt bei The Art of Being, einem Ansatz, der von Alan Lowen entwickelt wurde. In dieser Richtung haben wir in den letzten zehn Jahren einige Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter ausgebildet, von denen sich nur wenige Tantralehrer nennen. The Art of Being ist in meinem Verständnis in der tantrischen Tradition verwurzelt, legt sich aber nicht auf den Begriff fest. So wie Tantra heute in der Öffentlichkeit dargestellt und wahrgenommen wird – als eine Methode oder Richtung, die sich hauptsächlich mit Sexualität beschäftigt – klingt es manchmal eher verengend als erweiternd und allzu oft irreführend. Aus diesen Gründen habe ich in den letzten Jahren den Begriff Tantra eher mehr in den Hintergrund gestellt, weil zu viele Missverständnisse dadurch ausgelöst werden. In der Essenz fühle ich mich jedoch tief mit Tantra verbunden und möchte auch gerne meinen Beitrag dazu leisten, dass unter Tantra wieder etwas anderes verstanden wird als Esosex.
Was mir an der Idee eines Berufsverbandes gefällt, ist der Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen über die Schulengrenzen hinaus. Tantra hat mit verweben zu tun. Können und wollen Tantralehrer sich verweben? Wie begegnen wir einander, die wir uns oft nur aus den Medien kennen? Was sind unsere Gemeinsamkeiten, was sind auch gravierende Unterschiede, und wie gehen wir vor allem auch mit letzteren um?
In diesem Zusammenhang fällt mir das Advaita-Journal Winter 2006 (herausgegeben von OM C Parkin) zum Thema “Sexuelle Kraft auf dem Inneren Weg” ein. In diesem Heft äußern sich einige bekannte und profilierte Persönlichkeiten aus der spirituellen Szene zum Tantra – nicht alle nennen sich Tantralehrer, manche nennen sich allgemeiner Spirituelle Lehrer. In diesem Heft versammeln sich spannende Ansätze und Gedanken um Liebe, Sex und Spiritualität, aber noch mehr hat mich beeindruckt, dass jeder es besser weiß als der andere. Fast alle Autoren und Interviewpartner reklamieren für sich das eigentliche, das tiefe, das wirkliche, das authentische oder fortgeschrittene Tantra und lassen ihre Kolleginnen und Kollegen eher blass aussehen. Das hat in dieser Häufung eine gewisse Ironie – und vielleicht sogar Methode. Für ein gemeinsames Treffen und erst recht für einen Berufsverband verspricht das Brisanz, wenn es darum geht zu definieren, was Tantra überhaupt ist, oder zumindest einen Rahmen dafür abzustecken.
Bei allen Bedenken, ich finde die Idee spannend genug, einen Versuch zu wagen und zusammen zu kommen. Wie gehen wir mit unseren unterschiedlichen Identitäten – basierend auf unterschiedlichen Persönlichkeiten und unterschiedlichen Schulen – um? Gibt es etwas, was uns alle trägt und was wir zusammen manifestieren wollen? Was fordert es von uns und was gibt es uns, wenn wir uns vernetzen?
Einige Aspekte sind mir wichtig und teilweise eine Voraussetzung, um mich hier weiter einbringen zu wollen:
• Transparenz der Interessen. Warum wollen wir uns vernetzen, und wer verfolgt dabei welche Ziele? Dazu gehört wesentlich das Eingeständnis, dass wir am “Markt” auch Konkurrenten sind, auch wenn wir vielleicht lieber den Eindruck erwecken mögen, darüber hinaus zu sein. Durch Transparenz kann Vertrauen entstehen, und auf der Basis von Vertrauen kann vieles wachsen und blühen.
• Respekt vor dem Anderssein. Wahrscheinlich hat jeder von uns schon mal die Nase gerümpft, als wir von Gepflogenheiten und Animositäten, aber auch von Methoden und Hintergründen anderer TantralehrerInnen und –schulen gehört oder gelesen haben. Vielleicht sind wir auch hier oder da neidisch oder bewundern. Verschiedenartigkeit stehen lassen zu können, ohne sich selbst zu verleugnen, das wäre mir eine sympathische Basis für fruchtbare Zusammenarbeit.
• Persönlicher Kontakt. Im unmittelbaren Gegenüber und Miteinander kann sich etwas Drittes ereignen, das über uns als Individuen hinaus geht und darauf würde ich gerne weitere Initiativen aufbauen. Ein Verband braucht diese Basis, wenn er nicht in Administration und Interessenpolitik abrutschen soll. Werden wir die Energie und die Bereitschaft dazu aufbringen?
Ich bin gespannt, welche Ansätze, Schulen und Richtungen eine Vernetzung zusammen bringen kann. Manche Schulen sind eher therapeutisch orientiert, andere eher sinnlich bis sexuell, andere spirituell, manche persönlichkeitsbildend, manche an der Liebes- und Bindungsfähigkeit, andere einfach an der Verbesserung der Lebensqualität. Ich würde in einem Verband gerne eine Haltung realisiert sehen, in der für alle diese Ansätze Platz ist. Und dennoch wird ein Verband auch um Abgrenzung nicht herum kommen. Wie ein solcher Prozess mit Spass und Freude, mit Wahrheit und Authentizität, mit Lust und Liebe geschehen kann, darauf bin ich neugierig.
Ich möchte den ersten Schritt nicht vor dem zweiten machen. Ich würde mich freuen, wenn wir zunächst zu einem Treffen zusammen kommen, an dem möglichst viele Institute beteiligt sind, und uns überraschen lassen von uns und der Intelligenz des Lebens. Danach wäre für mich der Zeitpunkt gekommen zu entscheiden, ob ich diesem Verband beitreten möchte und mir vorstellen kann, dass gemeinsam ein Raum geschaffen wird, in den ich mit Freude meinen Beitrag einbringen kann.
© Saleem Matthias Riek, www.art-of-being.de
Advaita Maria Bach
Advaita praktiziert seit 22 Jahren Tantra und Therapie, Sie leitet die Advaita Tantra Schule Wiesbaden und hat bisher zahlreiche Fachartikel und mehrere Bücher zum Thema Tantra veröffentlicht.
Das Spiel mit dem Feuer oder Hat Monogamie noch eine Zukunft?
Oder: Sind wir reif für mehr Freiheit? oder: Die Freiheit, die ich meine!
Das gute alte Modell der (inzwischen) seriellen Monogamie hat beileibe immer noch nicht ausgedient. Die allermeisten Menschen leben immer noch nach diesem Beziehungsmodell, das schon in den späten Sechzigern des letzten Jahrtausends zum Auslaufmodell erklärt wurde. Die Polygamie (ein Mann mit mehr als einer Frau) oder die Polyandrie (eine Frau mit mehr als einem Mann) hat es historisch immer wieder gegeben – und doch haben diese historischen Modelle mit dem, was wir in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft darunter verstehen, im Allgemeinen wenig zu tun. Im Himalaya, im Staate Mustang, gibt es die Polyandrie, das heißt eine Frau heiratet einen Mann und bekommt dann den Bruder dazu. Auf diese Weise wird verhindert, daß das Land in zu kleine Parzellen aufgeteilt wird, die zu bewirtschaften sich nicht mehr lohnen würde. Wenn einer der beiden gerade mit der Frau sich vereinigt, dann stellt er seine Schuhe vor die Tür; so weiss der Bruder beim Anblick der Stiefel, daß die gemeinsame Ehefrau heute Nacht nicht frei ist An eine sexuelle Begegnung zu Dritt im Bett würden diese Nomaden wohl nicht denken, weil dafür zumindest die zwei Brüder leicht homoerotische Neigungen haben müssten. Vielleicht haben sie die, aber sie gestehen sie sich nicht ein.
Und natürlich wollen wir auch nicht den muslimischen Ehemann nachahmen, der bis zu vier Frauen haben kann, wenn er sie nur ernähren kann.
Da ist die moderne „Polyamoury“ – Bewegung vollkommen anders gestrickt, die im „prüden“ Amerika begann vor ungefähr 20 Jahren und sich inzwischen über die ganze Welt verbreitet hat. Amerika hat viele Gesichter und nicht alle sind verklemmt. Nicht zufällig hieß diese Land einmal “das Land der Freien“!! Ein Gedanke, der beim Bush – Amerika besonders schwer fällt, aber die Menschen, die in und um San Francisco herum leben, sind doch außerordentlich freiheitlich gesinnt. „Polyamoury“ heißt soviel wie „Vielliebe“ und wird teilweise auch von Ehepaaren praktiziert, die die „Vielliebe“ als Mehrfachehe verstehen, wobei hier Ehe bedeutet, daß die Beziehung zwischen mehreren Menschen gepflegt wird und genau so ernst genommen wird wie die Ursprungsehe, aus der die Beteiligten kommen.
Es gab vor ungefähr acht Jahren, als ich in Hawaii Urlaub machte, auch in tantrischen Kreisen, eine gehörige Aufregung über diese Bewegung, die sich aber inzwischen gelegt hat. Wenn es auch im Tantra so gut wie selbstverständlich ist, daß jeder Shiva und jede Shakti bereit sein sollte, sich mit einem oder mehreren Partnern zumindest rituell zu vereinigen, ist diese Bewegung meines Wissens nicht aus tantrischen Wurzeln gespeist. Gerade die rituelle Begegnung hat ja auch mit Beziehung gar nichts zu tun. Im Tantra sieht man es eher als Hindernis an, wenn die Begegnung während des Rituals die persönlichen Aspekte nicht transzendiert, zielt Tantra doch in eine andere, nämlich die spirituelle Richtung. Es geht um viel mehr als Freiheit von bürgerlichen Normen. Es geht hier um die umfassende Freiheit des Geistes. Bei „Polyamoury“ geht es um die Bereicherung des menschlichen Beziehungsgeflechts, aber weniger um die Verfeinerung der amourösen Kunst selber. Auf den Präsentationen der Bewegung geht es eher darum, wie man so eine Mehrfachehe ohne Eifersucht und störende Gefühle als Bereicherung des bisherigen monogamen Lebens erfährt und dann auch praktiziert, als darum zum Beispiel, wie man den Sex zu dritt oder zu viert oder mit noch mehr Teilnehmern praktiziert, ohne, daß es zugeht wie im Swingerclub, wovon die meisten sich absetzen wollen.
Ich persönlich habe sehr viele verschiedene Modelle gelebt und lebe sie noch und eines weiss ich deshalb auch: kein Modell des Zusammenlebens oder auch ein Beziehungsmodell ohne Zusammenleben erspart mir Auseinandersetzungen mit mir selbst als auch den oder dem Anderen. Jede Beziehung, die verliebt oder in Liebe beginnt, kann in Hass umschlagen, wenn diese Liebe abgewehrt, nicht angenommen oder verraten wird.
Grundsätzlich steht jede Beziehung, ausgesprochen oder unausgesprochen, bewusst oder unbewusst, unter den zwei Polen Bindung und Freiheit. Die Freiheit ist auch nicht immer die sexuelle, sondern es kann auch schlichtweg um Freiraum gehen, den sich der Einzelne selber nimmt, Urlaub von der Beziehung für eigene Interessen, die man eben mal nicht mit dem anderen teilt. („Even lovers need a holiday“ heißt ein alter Rocksong)
Zuviel Bindung lässt die Beziehung nach einer Weile zum Gefängnis werden; aber ich kenne auch moderne, offene Beziehungen, wo die Freiheit die Bindung so sehr lockerte, das am Ende keine Beziehung mehr da war – sie ist einfach im Sand versickert.
Jede lebendige Beziehung bewegt sich in der Balance zwischen beiden Polen, mehr Freiheit bedeutet auf jeden Fall mehr Verantwortung und ein Bewußtsein, das die Beziehung nicht statisch festlegen will als ein Set von Erwartungen, die bei Nichterfüllung eingeklagt werden können auf Grund eines vorher vereinbarten Wertesystems. Oder eines Wertesystems, das einfach unausgesprochen als Voraussetzung angenommen wurde.
Mehr Freiheit bedeutet auch weniger emotionale Geborgenheit – normalerweise. Ich kann mir aber auch eine Mehrfachehe vorstellen, in der alle Beteiligten einander „treu“ sind und nach und nach dieselbe Geborgenheit entsteht wie in der guten, alten Einehe.
Ich habe einmal mit zwei Männern eine sehr sexuelle, tantrische Beziehung gehabt und fühlte mich aufgehobener denn je bei beiden Männern, meine Bedürfnisse mehr abgedeckt, mich selbst mehr „bedeckt“ von beiden, rundum zufrieden mit der Lust, Viel mehr als mit einem Mann summte und surrte ich vor Zufriedenheit den ganzen Tag lang. Selbst flirten mit noch anderen Männern war mir zuviel!
In den Tantragruppen gibt es immer wieder Paare, die behutsam und allmählich die Freiheit lernen wollen und das auch tun. Zum Beispiel nehmen sie das erste Mal beim Vereinigungsritual einen anderen Partner. Dann sind sie selbst erstaunt, daß es sogar wunderbar geht! Sie selbst haben das Ritual genossen, der andere genau so.
Ja, sie sind einander dankbar, sich gegenseitig die Freiheit geschenkt zu haben und fühlen sich verbundener denn je. Solche Paare gibt es; aber auch solche, die im Seminar feststellen, daß sie so viel Brast aufeinander haben, daß sie das Ritual gar nicht miteinander machen können!!
Natürlich gibt es auch Einzelpersonen, die die Freiheit lernen wollen, die keinen kontrollierenden Partner haben, dafür aber reichlich Sex unterdrückende Konditionierungen, Schuld und Schamgefühle.
Was ich im Folgenden beschreibe, entsteht ausschließlich im letzten Abschnitt der Jahresgruppe „Tod und Wiedergeburt“ oder im kleinen aber feinen Kreis der Fortgeschrittenen, wo jeder jeden schon länger kennt, es schon häufiger tantrische Begegnungen der übersichtlicheren Art statt gefunden haben, Kondome direkt griffbereit da liegen, alle einen Aids -Test haben und außerdem von „außen“ Helfer, die Musik machen, aber auch schauen, daß nirgendwo schräge Gefühle entstehen. Und wenn sie entstehen, diskret betreuen, ohne daß im ganzen Pulk der Fluss abbricht.
Wir nennen das den „Tantrischen Knoten“: Leiber winden sich durcheinander, in diversen Geschwindigkeiten oder auch Nacktheiten. Die anderen berühren dich oder auch nicht, jemandes sexy Hand oder Bein oder Bauch kommt vorbei und Du berührst und küsst, ohne zu wissen, wer genau gerade in den Genuß Deiner Zärtlichkeiten kommt. Hier und da kann sogar Vereinigung entstehen. Jemand berührt und küsst Dich und Du weißt nicht, wer es ist. Du genießt und genießt, du lässt dich fallen, fallen, fallen und schwimmst im Urmeer der menschlichen Zärtlichkeit, die sehr sexuell werden kann, aber nicht muss. Die Person spielt keine Rolle – aber im ganz positiven Sinn. Die geliebte Körperlichkeit spielt eine Rolle und der unbewusste Traum, wie es vielleicht mal war in einer Art tantrischem Paradies.
Du kannst einmal jedem erotischen Impuls nachgeben, es gibt keine Regeln, keine Verbote, keine Rück - oder Nachsicht. Der Kopf schaltet sich aus, du schwimmst auf den Wogen des Gefühls, auch die Unterscheidung von Sex und Liebe und Zärtlichkeit und Intimität oder auch purem Spaß verschwinden, weil jegliche Unterscheidung aus dem Kopf kommt. Durch die vorher genannten Vorsichtsmaßnahmen können auch keine Krankheiten oder ungewollte Kinder entstehen. Erst muß der solide Rahmen geschaffen werden, dann können die Energien innerhalb dieses beschützten und gehüteten Raumes von der Leine gelassen werden.
Das geht nur, wenn jeder Teilnehmer volles Vertrauen in die Situation hat. Intimität ist etwas, das wachsen muß. Dieses Wachstum des gegenseitigen Vertrauens kann auch in anderen als sexuellen Methoden füreinander entstehen im Verlauf eines Jahrestrainings.
Jenseits von Tantra gab es zumindest in den wilden Sechzigern Visionen einer größeren sexuellen Freiheit: „Make Love, not War“ forderten die Hippies die Gesellschaft auf vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges. Und wissen es nicht die tantrischen Götter: auch der heutigen Zeit könnte ein solches Motto gut zu Gesicht stehen, doch heute lächelt man nur müde über solche Sprüche. Sie klingen naiv in einer zynischen Zeit.
Wurde doch noch nirgendwo über ein Zuviel an Liebe geklagt, wohl aber über ein Zuviel an Krieg und Totschlag! Auch die Sannyasbewegung hatte in ihren Anfängen sehr viel sexuelle Libertinage im Gepäck. Aber AIDS änderte dann viel, im Großen wie im Kleinen, innerhalb der Sannyasbewegung und innerhalb der Gesellschaft. Auf einmal ist die feste Partnerschaft einfach wieder sicherer, Vorsicht besser als Nachsicht, auch gibt es massenweise Tantra - Veranstalter, die das heiße Eisen Vereinigung gar nicht mehr anfassen – obwohl das doch die zentrale tantrische Kunst ist.
Immer noch gibt es viele Gruppen und Grüppchen, die die sexuelle Freiheit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Zum Beispiel die Leute vom ZEGG mit Babette und Dieter Duhm. Doch die kümmern sich wenig um dien Schatten der freien Liebe: Eifersucht und mögliche Ansteckungen…Aber heute bekommen solche Gruppen grundsätzlich weniger Interesse von den Medien als damals.
Doch kehren wir zurück zur Entscheidung des Einzelnen. Heute ist es eine Frage des „Lifestyles“, wie ich leben möchte. Zumindest in den Großstädten. Auf dem platten Lande sieht das wohl etwas anders aus. Tatsächlich könnte ich persönlich auch keiner Lebensform die Goldmedaille geben als allein selig machend.
Auch die gute, alte Monogamie hat durchaus etwas für sich. Es gibt Räume zwischen Mann und Frau, die entstehen nur da. Zum Beispiel, wenn man frisch verliebt ist. Es ist sogar wissenschaftlich erwiesen, daß im Zustand der Verliebtheit bestimmte Hormone im Gehirn ausgeschüttet werden, die meine Gefühle fixieren auf einen einzigen Menschen. Nur diese Stimme erregt mich, macht mir Schmetterlinge im Bauch, nur dieser eine Mensch hat den Schlüssel zu meiner Seligkeit! Obwohl dieses Gefühl ein fundamentaler Irrtum ist, ist dieser Irrtum sehr notwendig, sehr grundlegend, um die Menschheit am Laufen zu halten! Verliebtheit geht aber immer vorbei und macht im besten Fall Platz für die Liebe. Die ist ein ruhigeres Gefühl und man kann durchaus mehrere Menschen lieben. Gibt es doch auch viel Arten der Liebe!!
Auch ich habe teilweise monogam gelebt (auch in „tantrischer“ Zeit) und hatte währenddessen den Eindruck, daß das auch für mich sehr stimmig sein kann, wenn ich energetisch ausgelastet bin von dem einen Partner. Ja, es kann auch eine sehr gewählte und gewollte Konzentration der Energie sein, wenn ich nicht mit einer sexuellen Gießkanne durch die Welt gehe, sondern einen Focus, einen Brennpunkt schaffe, speziell mit einem tantrischen Partner. Auch die Monogamie kann tantrisch sein, wenn sie von beiden Partnern gewusst gewählt für eine bestimmte Zeit und nicht von der Gesellschaft im Voraus bestimmt wurde.
Aus einer romantischen Monogamie in eine lustbetonte Dreierbeziehung – das war Grenzen sprengend damals. Ich bemerkte an mir selber, daß der eine Mann etwas anderes aus mir herausholt als ein anderer Mann. Auf Fotos mal mit dem einen, mal mit dem anderen Mann zusammen, schaute mir eine jeweils andere Frau entgegen – und jedes Mal war ich die Frau! Und die ozeanischen Wogen erotischen Genusses in einer Nacht zu dritt mit zwei potenten Männern, die um mich bemüht waren, hatten eine andere Qualität als auch die befriedigensten Momente einer monogamen Nacht, und die wieder eine andere wie der Fluss der Entgrenzung in einer tantrischen Orgie!!
Doch betrachten wir uns kurz und bündig, was der Freiheit entgegen steht: das unkritische Übernehmen der alten Beziehungsmodelle, das in allen konservativen Gesellschaften oder Gesellschaftsanteilen normal und üblich ist; die Eifersucht; manchmal Mangel an Gelegenheit. Für die meisten von uns oder auch den geneigten Leser ist es wahrscheinlich hauptsächlich die Eifersucht, die uns zu schaffen machen würde. Gelegenheiten können wir kreieren, und kritiklos übernehmen wir hoffentlich nichts von niemandem. Die Eifersucht selber ist ein Cocktail aus mindestens drei Gefühlen: beleidigte Eitelkeit, Verlustängste, ein Schwinden der Kontrolle über das Leben des anderen. Falls exclusive sexuelle Beziehungen vereinbart waren, kommt natürlich auch das Gefühl des Verrats hinzu. Die Verlustängste haben ihre Wurzel oft in der Kindheit, weil nie genügend elterliche Liebe vorhanden war und deshalb bleibt ein unerfülltes Bedürfnis nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Dieses Bedürfnis wird in die erwachsene Beziehung mitgenommen. Deshalb tut sich ein solcher Abgrund auf, wenn es aufs Neue frustriert wird. Wenn wir bereit sind, in uns selbst Geborgenheit zu finden, dann können wir eher den anderen loslassen. Mit ihm die Energien teilen, müssen ihn aber nicht kontrollieren und lassen uns auch nicht kontrollieren.
Am schlimmsten aber sind Lügen, die so weit verbreitet sind, weil es so bequem ist. Den Partner in der Illusion zu lassen, er oder sie sei die Einzige in meinem Leben ist ja soviel einfacher als um eine loyale, aber offene Beziehung zu ringen. (70% aller Ehemänner gehen ein oder mehrere Male fremd während ihrer Ehe. Frauen auch.)
Ihm oder ihr aber auch bei zu bringen, daß es nicht heißt, ich liebte ihn oder sie nicht, weil ich mit anderen Menschen das erotische Vergnügen teile. Ja, daß es sogar möglich ist, ihn oder sie weiter zu lieben, auch wenn ich einen anderen liebe – das ist viel mehr als einen Seitensprung beichten. Das heißt, eine andere Lebensform finden. Wenn das ganze Gruppen tun, dann haben wir eine Bewegung wie Polyamoury. Es gibt aber auch Menschen, die können sich nicht tief einlassen, halten sich für frei; haben aber eine Beziehungsphobie – das ist hier nicht gemeint.
Das Thema ist sowohl faszinierend als auch komplex – leider fehlt hier der Raum, mehr auf die möglichen inneren Widersprüche ein zu gehen, die einem Wanderer in das Land Freiheit begegnet: muß er doch unterscheiden zwischen Hingabe und Selbstaufgabe, zwischen Abhängigkeit und Liebe, zwischen Freiheit und abweisender Distanz, Egofallen und Beziehungsfallen. Der ewige Tanz der Ambivalenzen: nur, wer weitestgehend frei ist von alten Schuld - und Schamgefühlen und sein zitterndes Herz freigelegt hat mag das Land schauen und schon in ihm leben, in dem Freiheit und Liebe Geschwister sind und nicht vermeintliche Feinde.
Advaita Maria Bach
Advaita praktiziert seit 22 Jahren Tantra und Therapie, Sie leitet die Advaita Tantra Schule Wiesbaden und hat bisher zahlreiche Fachartikel und mehrere Bücher zum Thema Tantra veröffentlicht.
Tantra – die Verheißung
Tantra, so glauben manche, sei Gruppensex mit spiritueller Entschuldigung. Wieder andere meinen, es ginge um Liebestechniken allein. Viele denken, man könne Tantra nur zu zweit praktizieren und außerdem sei es ungeheuer exotisch und damit nichts für normale Menschen. So gibt es viele Glaubenssätze über Tantra, dabei hat gerade Tantra absolut mit Praxis zu tun und wenig mit Glauben.
Die Verehrer des tantrischen Weges schwärmen von kosmischer Glückseligkeit und dem kosmischen Orgasmus, von vibrierender Ekstase, dem lebendigen Strömen der Lebensenergie und stundenlangen Vereinigungen.
Das Provozierende an Tantra ist:
1) Es gibt kein Gut und Böse. Eine solche Weltanschauung ist dualistisch und spaltet den Geist des Menschen und erfüllt ihn mit überflüssigen und belastenden Schuldgefühlen und entfernt ihn vom Göttlichen. Es gibt nur blockierte und freigesetzte Energien. Das Göttliche ist in allem, der materiellen Welt und der feinstofflichen, geistigen Welt. Es gibt nichts außerhalb des Göttlichen, selbst meine Irrtümer sind Teil des Prozesses. Selbst unangenehme oder sogar schockierende Erlebnisse mit anderen Menschen sind Spiegel meines Inneren und zeigen mir meine verdrängten Aspekte.
2) Sexuelle Energie ist heilig, da sie das Leben gebiert und zeugt. Mir ihr bewußt umzugehen, auch in Alltagssituationen ist Aufgabe dessen, der den tantrischen Weg geht. Sie in Ritualen sakral zu zelebrieren gehört zu den Höhepunkten im Leben des Tantrikers.
In diesem Sinne ist alles heilig, weil nichts existiert außerhalb der großen Einheit, zum Beispiel auch scheinbar destruktive Energien oder Dinge, die wir gering achten wie Abfall oder Kot. So ist der Körper heilig und auf keine Fall das \\\\\\\\\\\\\\\"schwache Fleisch\\\\\\\\\\\\\\\", wie die Christen ihn gegenüber dem \\\\\\\\\\\\\\\"willigen Geist“ nannten. Der Körper ist der Tempel der Seele, ein Mysterium, der weibliche Teil der Schöpfung.
3) Tantra ist keine Philosophie, sondern sieht sich selbst als Wissenschaft. Es gibt keine Konzepte, die zu diskutieren wären, sondern nur Erfahrungen, die man mit den unendlich vielen Übungen, die das Tantra anbietet, machen kann. Diese Erfahrungen führen zu wachsender Integration der inneren Widersprüche, damit zur Erfahrung der Einheit, die die einzig existierende Wahrheit ist.
4) Es gibt keine Verbote bezüglich der Nahrung, des Konsums von Genußmitteln, und natürlich nicht Sexualität betreffend. Aber es gibt Gebote bezüglich der spirituellen Praxis.
Tantra vertraut dem Individuum und stellt vieles in sein Ermessen. Wenn jemand gelernt hat, Verbote einzuhalten, ist er höchstens brav, aber nicht unbedingt ekstatisch.
Ekstase ist Liebe zum Leben und Verehrung der Göttin.
Dennoch weiß auch Tantra um die Unruhe des menschlichen Geistes und daß eine Ausrichtung nötig ist, um Konzentration und Vertiefung, meditative Zustände zu erreichen.
Auch weiß der Tantriker um das Ego, das Nähe fürchtet, sich an den Verstand klammert, Auflösung fürchtet und ozeanische Liebe nicht zuläßt, Barrieren errichtet und ein Hindernis ist auf dem Weg zur mystischen Erfahrung.
Zu 1:
Betrachten wir nun den erstgenannten Aspekt: Es gibt kein gut und böse. Kommen da nicht alle möglichen Ängste hoch, daß es ohne Verbote, wie sie zum Beispiel die zehn Gebote darstellen, schlimmen Taten und Vorstellungen Tür und Tor geöffnet ist? Tantra geht davon aus, daß der Praktizierende alles Lebendige verehrt, damit sein Bewußtsein schult, die Liebe sucht. Damit ist ausgeschlossen, daß er Mord oder Selbstmord für gerechtfertigt hält.
Nehmen wir ein aktuelles, schreckliche Beispiel. Die Zerstörung des World Trade Centers
als Symbol des Kapitalismus spiegelt den Amerikanern, daß es auch Menschen gibt, denen der Dollar-Imperialismus und die Weltherrschaft des Kapitals ungeheuer zuwider ist. Kein Politiker schlägt solche nachdenklichen Töne an - obwohl es Menschen gibt, sogar Amerikaner, die so denken. Die sich Gedanken darüber machen, wie ein solch menschenverachtender Haß in die Welt gekommen ist. Für die Politiker ist es klar: wir sind die Guten, die Freien, dort sind die Bösen, die Mörder. Das Gute muß mit Gewalt verteidigt werden, die Welt ist schwarz –weiß. Die Spirale der Gewalt wird weitergehen. Wie kann sie dem friedlichen Zusammen leben der Völker dienen? Das ist von der Gesetzmäßigkeit der Energien her unmöglich. Die angegriffene Nation betrachtet nicht ihre eigenen Schatten: die Gewalt im Land selbst, Vietnam oder den Fanatismus in der eigenen Geschichte, wie die Mac Carthy Periode, den Rassismus gegen Schwarze, der Ku-Klux-Klan....oder eben die Gewalt, die aus dem Tanz ums goldene Kalb kommt.
Doch betrachten wir einen anderen Aspekt, der als sündhaft oder sogar böse diskriminiert wurde im Namen der Religion: die Sexualität. Eine unterdrückte Energie degeneriert und richtet unter Umständen Schreckliches an. Davon kann ich als Tantra –Lehrerin, die zwanzig Jahre im Feld arbeitet ein Lied singen. Das ursprünglich Gute, von Mutter Natur jedem Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in den Schoß gelegt, wurde im Namen Gottes unterdrückt, als Sünde bezeichnet, diskriminiert und verdammt. Die Seelen der Menschen sind immer noch mit Schuldgefühlen belastet, viele Menschen sind sexuell traumatisiert, viele Frauen kennen immer noch keinen Orgasmus, viele Männer leiden unter Erektions –und Potenzstörungen, viele Menschen erleben nie, was eine voll entwickelte Sexualität bedeutet.
Wie mein Freund Andro (Tantra-Lehrer aus Berlin, Autor mehrerer Bücher über Tantra) sagt: „Die Lust ist fußkrank. Einen Lahmen muß man erst das Gehen lehren.“
Da jeder Mensch als sexuelles Wesen geboren wird und einfach nichts dafür kann, es ist einfach eine biologische Tatsache, ist die ungeheuerlichste Sünde, die irgend eine Religion begehen kann: daß Menschen sich dafür schämen, sich vor dem eigenen Körper ekeln, sexuelle Impulse unterdrücken, ihre Lust abschneiden.
Wenn uns auch die Medien ein anderes Bild vorgaukeln, in Wahrheit sind die meisten Menschen alles andere als sexuell frei. Die Liberalisierung zumindest in unserer Kultur hat gerade mal die Oberfläche angekratzt, in der Tiefe schlummern die alten Muster der Selbsverdammung, der Strangulierung der Lebenslust. Die Folge ist ein Leben mit ständigem Fuß auf der Bremse, ein Leben auf Sparflamme.
Eine andere Konsequenz ist die Abspaltung der Liebe von ihrer Schwester, der Lust. Die von der Lust abgespaltene Liebe wurde zum hohlen Ideal, in deren Namen die Freiheit geknebelt wurde, bis kaum noch ein Mensch weiß, daß Liebe und Freiheit und Lust Geschwister sind, die in Wahrheit zusammen existieren. Wer die Lust abschneidet, kastriert die Lebensenergie. Wer die Lebensenergie abschneidet, richtet sich gegen die Liebe, die als Blume im Garten des Lebens blüht. Und wie kann die Seele atmen ohne Freiheit? Da geht es um Themen wie Monogamie oder Polygamie, die gute alte romantische Liebe, Liebe zu sich selbst, wie Freiheit und Bindung miteinander existieren können.
Damit sind wir allmählich bei dem zweiten Aspekt, den ich weiter oben nannte: Sexualität ist nicht nur normal, sondern heilig, das heißt heilend für die Integrität von Männern und Frauen. An diesem Punkt weist uns Tantra den Weg in eine befreiende Perspektive: Wir können unsere eigene Göttlichkeit erkennen, ohne uns irgendetwas abschneiden zu müssen. Alles, alles kann ein Tor zum Erkennen der innewohnenden schöpferischen Energie sein: intensives Eintauchen in die Lust befreit uns von der Fessel des Verstandes, tränkt unser Wesen mit der Sehnsucht nach Verschmelzung, reißt die Mauern des Egos ein und macht uns bewußt, daß wir Teil eines größeren Ganzen sind. Wir sind aus der Lust entstanden, sie ist in jeder Zelle gespeichert, seit der Samen unseres Vaters auf das Ei unserer Mutter traf. Seit ich in meinem 32.Lebensjahr auf die Lehre des Tantra traf, bin ich von tiefer Dankbarkeit erfüllt, fühle mich erlöst von der Spaltung in ein geistiges und körperliches Wesen, bin Körpergeistseele in einem Stück.
Hier ist wohl auch die befreiende Botschaft für den modernen Menschen: Du bist gut wie du bist, Mensch, ja sogar göttlich. Um deine eigene Urnatur zu erkennen, die wahre Rückbindung an den Ursprung zu erfahren, tauche ein in die heilige Lebensenergie und das Leben kann ein Tanz sein! Du bist nicht als Sünder geboren, das Leben ist kein Jammertal, erschaffe Dir einen Garten, in dem du und alle, denen Du verbunden bist, in Freiheit leben können. Es ist nicht gottgefällig, verklemmt, sauertöpfisch und neidisch durch das Leben zu gehen. Öffne Deinen Körper für alle Empfindungen, derer er fähig ist, öffne Dein Herz für die Liebe und die Verehrung des Göttlichen in allen Menschen und deinen Geist für die Unendlichkeit, damit du teilnimmst am Mysterium des Lebens.
Auch gibt es eine gute Botschaft für die Frauen: Shakti, der weibliche Aspekt, ist die dynamische Kraft im Universum! Wird doch der Ursprung des Tantra mit den matriarchalen Kulturen vom Ufer des Indus (vor ungefähr 5000 Jahren) in Verbindung gebracht.
Hier ein tantrischer Schöpfungsmythos:
Shiva (der männliche Aspekt im Universum) ruhte im Nichts, vollkommen zufrieden, jenseits allen Verlangens, ohne Form, im ozeanischen Bewußtsein. Da tauchte Parvathi auf aus diesen Tiefen, sein weibliches Selbst, die Urshakti, die weibliche Kraft. Sie wollte Shiva zum Gatten gewinnen und schoß Liebespfeile auf ihn ab. Für Äonen ließ er sich dennoch nicht stören. Parvati übte sich in tantrischen Disziplinen, den Herrn des Universums zu betören, da bedarf es einiger Geduld. Doch sie konnte nicht aufhören, ihn zu bezaubern mit ihrer Liebe und schließlich gab er nach: die Schöpfung wartete darauf, sich zu materialisieren. Als sie sich vereinigten, strömten die Wesen in ihren Körper und der Tanz der Schöpfung begann: das Universum wurde geboren. Mit der Geburt kam auch der Tod, Werden und Vergehen, die Zyklen des Lebens nahmen ihren Lauf....
Damit Männer und Frauen sich an den Ursprung erinnern können, aus dem ihr Leben entstand, gab Shiva den Menschen die heiligen Rituale. Im Vereinigungsritual erinnern sich Mann und Frau daran, daß sie zwei Pole einer Einheit sind. Durch Vereinigung zur Erfahrung der Einheit, im persönlichen ist das Überpersönliche verborgen, der sexuelle Akt wird zum Gebet. Im Ritual werden Menschen zu Göttern transformiert, immer vorausgesetzt, die Praktizierenden lassen Haß, Scham, Furcht, Ekel, Arroganz vor der Tür, nach entsprechender Vorbereitung und Reinigung. Zumindest für die Zeit des Rituals.
Der Leser dieser Zeilen, als lebenserfahrener Mensch, wird sich fragen, wie eine solche Aufgabe zu bewältigen ist? Tantra ist ein Lebensweg und hat sehr viele Gesichter und Aspekte. Wer wirklich transformiert werden will, geht durchaus auch durch schmerzliche Prozesse der Loslösung von alten Vorstellungen, in Körper und Psyche gespeicherten Traumata, der Konfrontation mit verdrängten und nicht integrierten Teilen seiner Persönlichkeit.
Aber Tantra hat auch spielerische, leichte Aspekte, Tränen lösen sich auf in ein Lächeln, in Zärtlichkeit und Intimität, ungeahnte Dimensionen des Erlebens tun sich auf. So wie das Leben alle Gegensätze in sich hat, die im Tantra immer als Polaritäten verstanden werden, so versteht sich Tantra als Wissenschaft vom Menschen.
Die Sinne sind offene Tore, durch die die Schönheit der Welt, des geliebten Menschen, der Natur aufgenommen wird, der verwandelnde Klang der Musik, die sensiblen Gefühle des Körpers alles Geschenke der Göttin, die zu ihr führen. Sinnliche Erfahrungen sind kein Hindernis auf dem Weg zu spiritueller Erfahrung sondern ein Grund zur Dankbarkeit, was aber „übersinnliche“ oder meditative Erfahrungen jenseits der Sinne nicht ausschließt, sondern einsschließt. Im Tantra gibt es auch letztlich kein „Innen“ und „Außen“, sondern man geht davon aus, daß Meditation die sinnliche Erfahrung verfeinert, und das umgekehrt eine innerlich präsente, sinnliche oder auch sexuelle Erfahrung eine Meditation ist.
An dieser Stelle möchte ich die Gefährtin Shivas, Devi (was einfach soviel heißt wie „Göttin“), aus dem „Buch der Geheimnisse“ zitieren, einem der wichtigsten tantrischen Werke, das aus 112 Sutren (kurzen Versen) besteht, von denen jedes Sutra eine Meditationstechnik darstellt. Die Göttin sitzt in Vereinigung mit Shiva und sie fragt ihn:
Oh, Shiva, was ist deine Wirklichkeit?
Was ist dieses von Wundern erfüllte Universum?
Was ist die Beschaffenheit des Samens?
Wer zentriert das kosmische Rad?
Was ist dieses Leben jenseits der durchdringenden Formen?
Wie können wir tiefer eindringen
Jenseits von Raum und Zeit
Namen und Beschreibungen?
Laß meine Zweifel geklärt sein!
Er gibt seine Antwort mit den 112 Techniken, mit denen sie diese Fragen sich selbst beantworten kann: die Antwort kann nur die mystische Erfahrung sein, die Erfahrung der Einheit!
Zum vierten und letzten, hier genannten Punkt:
Die Tantriker forderten ihre Mitglieder auch auf, Dinge zu tun, die dem gesellschaftlichen Code ihrer Zeit und Kultur widersprachen, zum Beispiel der Konsum von Fleisch. Das hatte vor dem Hintergrund, das alle Hindus strenge Vegetarier sind, einen ganz anderen Stellenwert als heute, wo man in einer pluralistischen Gesellschaft einfach den Lebensstil wählt, der einem gefällt. Man kann Fleisch essen oder nur pflanzliche Produkte, das kostet keine Überwindung.
Damit war aber gemeint, Konditionierungen als das zu erkennen, was sie sind: von Menschen gemacht, sozial tradiert und in der Bedeutung relativ und nicht absolut.
Zu erkennen, wie tief die eigene Konditionierung ist durch das von der Gesellschaft und den Eltern weitergegebene und verinnerlichte Wertesystem – das ist allerdings ein zeitloses Thema für jedes Individuum. Das Individuum beginnt genau genommen erst jenseits der Erkenntnis, wieviel der eigenen Gedanken und Gefühle übernommen sind!
Aus diesem Grund nenne ich meine eigen Schule auch „Tantra für Rebellen“, weil ich einen Teil meiner Arbeit auf diesen Aspekt konzentriere. Ein solcher Rebell ist kein politischer Aktivist, sondern jemand, der bereit ist, gegen den Strich zu leben.
Obwohl das heute viel einfacher ist als früher, sind doch die inneren Zwänge der meisten Menschen viel ausgeprägter als man annehmen sollte wiederum nach dem Bild, das die Medien uns normalerweise vorgaukeln.
Dazu gehört auch der rituelle Konsum von berauschenden Mitteln. Cannabis Indica gehört seit altersher zu Shivas Geschenk an die Menschheit und wird in Nordindien, das historisch zum Ursprungsland des Tantra gehört, seit Jahrtausenden, keineswegs nur von Tantrikern, konsumiert.
In den Schriften wird auch „Soma“ genannt, eine Substanz, von er man bis heute nicht weiß, was damit praktisch gemeint war.
Aber es geht immer den sehr bewußten, dosierten Einsatz dieser Ingredienzien.
Eine andere Bsonderheit der Tantriker war, sich mit Menschen einer anderen Kaste zu vereinigen, was von der Umwelt her strengstens diskriminiert war! Der Leser möge sich selber fragen, inwieweit er ohne rigide Kastenzwänge doch auch mit der Wahl der Sexualpartner innerhalb der eigenen Gesellschaftsschicht bleibt.
Freiheit ist Freiheit von inneren Zwängen!
Zum Beispiel, sich vor allem auch sexuell, so zu verhalten, zumindest offiziell, „wie die Leute denken“, ist sehr unfrei. Bürgerliche Doppelmoral paßt nicht in ein tantrisches Bewußtsein.
Im tantrischen Sinne kann man jede sexuelle Neigung ausleben, solange das mit Bewußtsein geschieht: heterosexuell, bisexuell, polygam, monogam, homosexuell, oder auch sogar asketisch für eine Weile : Wichtig ist der absolute Respekt für jeden Partner, ob der selber Tantra praktiziert, spielt dabei keine Rolle, zuallererst auch Respekt für einen selbst.
Solange die sexuelle Handlung kein bewußtloser Konsum ist, der den Partner zum Objekt degradiert, ist das in Ordnung. Auch sich selbst kann man degradieren, zum Beispiel bei der Selbstbefriedigung: belastet mit alten Schuldgefühlen, hastig ausgeführt, nur zum Spannungsabbau, kann auch sie keine tantrische Eigenliebe sein!
Zuletzt möchte ich es nicht versäumen, den Leser darauf aufmerksam zu machen, daß das im Westen praktizierte Tantra als Neo –Tantra bezeichnet wird, weil viele moderne Techniken der Körpertherapie, des Tanzes oder auch Atemtechniken in der Seminarpraxis
Einzug gehalten haben.
Das ist auch vollkommen legitim, insofern die entsprechende Technik beiträgt zu Körperbewußtsein, Durchlässigkeit und Beweglichkeit. Ich selber setze die unter anderem die Bioenergetik nach Wilhelm Reich ein, der mit seiner Charakteranalyse und Definition der „orgasmischen Potenz“ eine bis heute stimmige Theorie vom Genitalstau geschaffen hat und praktische Übungen, die diesen beseitigen helfen.
Außerdem gibt es ganz allgemein oft viel Begriffsverwirrung zum Thema Tantra, das von den Medien auch ausgebeutet und manipuliert wird.
Aber es gibt auch viele Lehrer, die nicht kompetent sind, weil der Begriff des Tantralehrers nicht geschützt ist.
Und es gibt auch sogenannte Tantragruppen, in denen gar kein traditionelles Tantra vorkommt, noch nicht einmal Nacktheit und auch keine sexuelle Vereinigung. Manchmal geht es nur um „Feinstoffliches“. Wiederum andere Anbieter haben eine gewisse Nähe zum Rotlichtmilieu. Es gibt „Tanteradei“, Kuscheltantra, oder auch kaum verhüllte Prostitution. Es gibt seriöse Trainer mit Jahrzehnten Erfahrung, kompetente Neulinge und absolut Unwissende, die nach einer eigenen Teilnahme an einem Wochenende sich erkühnen, selbst etwas anzubieten.
Wer zum ersten Mal eine Tantragruppe besuchen will, ist gut beraten, sich vorher zu gründlich zu informieren!
Körperliche Fitness, mehr Schönheit und mehr erotische Raffinesse, gesteigertes Selbstbewußtsein, gesteigerte Attraktivität, erhöhte Konzentrationsfähigkeit, aber auch die Fähigkeit sich fallen zu lassen, zur Entspannung – das sind alles selbstverständliche „Nebenprodukte“ eines guten tantrischen Prozesses!
Advaita Maria Bach Wiesbaden, den 28.9.2001


